Kirchseeon-intern.de - Ortsgeschichte - Nonnenplage 1889-1891


Ortsgeschichte - Nonnenplage 1889-1891
Stand 16.02.2024


Wie in vielen anderen Orten, so ist auch in Kirchseeon die lokale Geschichtserzählung voll von Mythen, Halbwahrheiten, Beschönigungen und dem "Geraderücken" für die eigenen Interessen oder dem "Zeitgeist". So meinen einige irrigerweise mit Verweis auf das Kirchseeoner Wappentier, dass Kirchseeon erst im Zuge der Nonnenplage entstanden wäre (tatsächlich entstand Kirchseeon Bahnhof aber bereits beim Bau der Bahnlinie München-Rosenheim ab dem Jahr 1869; Kirchseeon Dorf und Eglharting enstanden schon weit früher). Wieder andere wollen die Ursprünge der Perchtenumzüge auf Traditionen aus dem österreichischen oder gar italienischen (Vor)Alpenraum zurückführen, die angeblich mit den Holzarbeitern, die bei der Aufarbeitung der Nonnenkalamität aus weitem Umkreis nach Kirchseeon kamen (doch die kirchlichen Matrikel stützen diese Hypothese nicht und es wäre auch sehr verwunderlich, wenn eine Tradition unpraktiziert erst 2 Generationen lang schlummerte, bevor sie Hans Reupold in der Nachkriegszeit aufleben ließ).

Während die lokale Geschichtsforschung bisher vor allem staatliche bzw. kommunale lokale und regionale Archive als Quelle nutzte, öffnen sich durch die Digitalisierung der Bestände nationaler und internationaler Bibliotheken und Archive seit einigen Jahren wertvolle neue Quellen, die bisher entweder gar nicht oder nur unter sehr hohem Aufwand zugänglich waren. In allen großen Bibliotheken des deutschen Sprachraums, wie der Bayerischen Staatsbibliothek in München oder der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien, wird die Digitalisierung der Bestände energisch vorangetrieben und die Ergebnisse auf Internet-Plattformen allgemein zugänglich gemacht. Aber auch Bibliotheken und Archive in den USA enthalten oft erstaunlich viele deutschsprachige, lokalgeschichtlich interessante Quellen.

Über Ereignisse in unserem Landkreis, die wie die massenhafte Vermehrung des Nonnenspinners um das Jahr 1890 überregional für große Aufmerksamkeit sorgten, wurde in vielen Zeitungen und Zeitschriften innerhalb und weit über die Grenzen Bayerns hinaus berichtet.

Doch war diese Nonnenkalamität im Ebersberger Forst keineswegs einzigartig, denn über periodisch auftretende Massenvermehrungen der Nonne wurde seit Jahrhunderten immmer wieder aus dem ganzen deutschen Sprachraum berichtet (Quelle: TODO anno-ÖNB). Zeitgleich mit der Nonnenplage im Ebersberger Forst vermehrte sich die Nonne auch in anderen, weit entfernten bayerischen und außerbayerischen Staats- und Privatwäldern [1].

1. Zeitgenössische Schilderung

Schilderungen von Zeitgenossen, die Anflüge von Schwärmen von Faltern wie ein Schneegestöber erlebten oder die mehrere Meter breite Wanderzüge der Raupen sahen, machen auch heute noch die apokalytischen Ausmaße und die Hilflosigkeit der Menschen gegen die Kräfte der Natur deutlich. Eine - hier verkürzt wiedergegebene - Leserzuschrift im "Linzer Volksblatt" vom 19. August 1891 ist beispielhaft dafür, wie diese Ohnmacht empfunden wurde:

"[...] Wir fuhren am 12. August über Rosenheim nach Grafing und giengen von dort nach Ebersberg, konnten aber bis dahin keine Nonnen entdecken. Erst als wir den nördlich von Ebersberg gelegenen neuerbauten Aussichtsthurm [Anm.: 1873 war der hölzerne Vorgänger des jetzigen Stahlbeton-Turms errichtet worden] betraten, welcher in einem von Buchen, Föhren und Fichten gemischten Bestand steht, fanden wir sämmtliche Fichten roth, mit nur wenigen grünen Zweigen, die Buchen in den oberen Partien halb abgefressen, während an den Föhren nichts zu erkennen war. Die Bäume (40-50jährig) waren alle mit einem Leimring versehen, von welchem noch die Gespinnste der abgestorbenen Raupen herabhiengen. Es wurde der Leim - eine theerartig riechende schwarzbraune Masse - von der Regierung den Privaten beigestellt und mit einer Wurstspritzen ähnlichen Maschine in einem 2-3 mm dicken, 3 cm breiten Bande auf den vorher von der Borke befreiten (gerötheten) Baumstamm in Brusthöhe aufgetragen. Die Gutsverwaltung Ebersberg hat auf diese Weise allein 150 Zentner Leim verstrichen.

In Parcellen nebenan war wieder gar nichts geleimt und trotz dem besten Willen konnten wir keinen Unterschied im Fraße, an Buchen wie an Fichten, zwischen den "geleimten" und "ungeleimten" Waldungen wahrnehmen. Obwohl "alles schwarz" von Nonnenraupen war zur Fraßzeit, konnten wir nur sehr wenig Puppen (alle ausgehöhlt) und nur vereinzelte Falter - nur Männchen - finden.

Vom Aussichtsthurme aus bot sich gegen Süden das ganze Oberbayern zu Füßen liegend und die Alpenkette von Salzburg bis zum Bodensee überragen von der Großvenediger-Gruppe und den Zillerthaler Fernern, gegen Norden aber das erschreckende Bild eines Leichenfeldes; der größte Theil des großen Ebersberger Parkes gefällt, soweit das Auge reicht, Holzstoß an Holzstoß, Stamm an Stamm ohne Unterbrechung, in der Ferne umgrenzt von mehr oder minder röthlich aussehenden Beständen - Der Ebersberger "Park" ist eine große Ebene, rings von bewaldeten Hügeln umgeben; (nördlich daran grenzt das Schlachtfeld von Hohenlinden). Der ganze königliche Forst ist ein umfriedeter Wildpark - daher der Name mit Hirschen und Sauen bevölkert und nur mit ein paar Forsthäusern (St. Hubertus, Diana u.s.w.) besetzt. Jetzt blinken überall die rothen Ziegeldächer der Cantinen und Baracken heraus. Es arbeiteten vom 24. Juli 1890 an circa 5000 Holzarbeiter an der Fällung dieses fast überall 80-100jährigen Bestandes.

Mitten durch zieht eine Locomotivbahn, auf welcher täglich zwei Locomotive über 150 Waggons Holz nach Kirchseeon schleppen. Auf einem musterhaft angelegten System vom kleinen Waldbahnen schleppen Pferde die Stämme - das Schnittholz wird alles lang verführt - das 2 m lange "Papierholz" und "Grubenholz", sowie die Scheiter zu den Verladestellen, wo es theils mit Handkrahnen, größtentheils mit dem Dampfkrahn verladen wird. Dank dieser großartigen Anlagen konnte die Forstverwaltung diese ungeheueren Holzmassen ohne besondere Verluste verwerten. Im Durchschnitt 80 Percent von der früheren Taxe. Denn das Holz geht theils über Rosenheim nach Italien, meist aber nach Westen: Heilbronn, an den Rhein, nach Elsaß u.s.w. Eine Dampfsäge arbeitet im Forst, einige in der nächsten Umgebung.

Diese rationelle Abfuhr im großen, sowie der Umstand, daß alle anderen Staatsforste ihren Holzschlag reducierten, machten die Preiserhaltung möglich.

In den Ebersberger Waldungen wäre die Nonnengefahr vorläufig als erloschen zu betrachten, da heuer kein Falterflug, also im kommenden Jahre kein Raupenfrass sein dürfte; anders jedoch in den südlich und westlich gelegenen Forsten, wohin sie im Vorjahre eingewandert sind. Es sind dies die ausgedehnten Heenkirchner-, Perlacher- und Sauerlacher-Forste, die großen Staatswaldungen an der Isar und gegen den Starnberger-See, der Forstenriederpark u.s.w. [...]

Im Ebersberger-Park hat die Holzfällerei ein Ende. Alle Arbeiter sind nach Sauerlach dirigiert und dort beginnt die Massenfällung. Von allen Seiten strömen neue Arbeiter aus allen Gegenden Bayerns zu; Tiroler und Böhmen und zahlreiche Italiener fällen dort ununterbrochen die verheerten Waldungen.

Es scheint, dass die Forstverwaltung die Hoffnung auf das Wiederaustreiben beschädigter Bäume aufgegeben hat, denn im Sauerlacher-Forste wurde den Arbeitern aufgetragen, alle Bäume welche mehr als die Hälfte abgefressen sind, ohne Ausnahme zu fällen, so daß noch ziemlich frische Bestände zum Abtrieb kommen. Aber alles wimmelt von Faltern, die jungen dichten Bestände sowohl als wie alte Lichttriebe, Jungmais, wie alte hohe "geleimte" Bestände, überall sitzen sie zu Dutzenden. Von jedem Baume, der fällt, fliegt eine weiße Wolke ab. Ganz München ist besetzt, jeder Baum der Anlagen, die Pappeln der Reichsstraßen, die Telegraphenstangen der Bahnen, jeder Gascandelaber, die Häusermauern bei elektrischem Lichte wimmeln besonders des Nachts von Faltern.

Weite Bezirke sind heuer neu überschwemmt, aber die Weiterverbreitung geschah nach Südwest, weniger gegen Osten [?] In der von uns bereisten Gegend fanden wir die Falter bis an den Fuß der Alpen vorgerückt, wo die bayerische Hochebene schon gegen 6-700 Meter hoch liegt, das Korn anfangs (13.) August noch steht, Winterweizen sehr wenig gebaut wird, der Hafer noch grün ist.

In Tölz an der Isar kamen die "Nonnen" in der Nacht vom Samstag auf Sonntag (8. bis 9. August) massenhaft an, weiter fanden wir die äußersten Vorposten in Gmund am Tegernsee, Miesbach, Aibling an der Rosenheimer Bahn.

Meiner Ansicht nach kann durch menschliche Mittel wenig dagegen angekämpft werden. Wenn Gott nicht hilft, so greift diese Pest immer weiter fort. Den Eiern hat der so strenge Winter nichts gemacht. Starke Spätfröste Ende Mai, Juni könnten am ersten die Raupen vernichten oder auftretende Seuchen unter ihnen [?} Das schrecklichste dabei ist, daß selbst ganz junge Maisse, ja Pflanzungen total vernichtet werden, also Gegenden auf 50 bis 60 Jahre ganz holzleer gemacht werden. Die Folgen kann sich jeder selbst ausdenken, wie so ein Land vernichtet wird!"

2. Erfahrungsbericht von August Pauly, 1891

Sehr umfangreich beschreibt auch August Pauly (Privatdozent der Zoologie der Universität München, 1850-1914)[1] das Auftreten der Nonne in den deutschsprachigen Ländern ab 1888 und führt das Auftreten in vielen, weit voneinander entfernten Befallsherden auf damalige, für die Massenvermehrung der Nonne günstige klimatische Veränderungen zurück. Nach seinen Ausführungen waren bereits 1889 im Ebersberger Forst 650 ha befallen (1890: 4900 ha, davon 1900 ha kahlgefressen). Daraus schließt er, dass eine autochthone (d.h. lokal entstandene, nicht von außen hereingetragene) Massenentwicklung bereits Jahre zuvor begonnen haben musste.

Ausführlich werden die vielfältigen, mehr oder weniger erfolgreichen Bekämpfungsmaßnahmen beschrieben. So wurde mit riesigen elektrischen Bogenlampen-Scheinwerfern, Zinkfackeln und dampfbetriebenen "Staubsaugern" fruchtlos versucht, die Schmetterlinge anzulocken, um sie einzufangen. Sehr anschaulich schildert er den "in seinem Innern aber anderthalb Gehstunden weit nadellos[en]" Ebersberger Park sowie das zeitgleiche Auftreten und die Bekämpfung in anderen bayerischen und außerbayerischen Wäldern. Einen breiten Raum räumt er auch der Diskussion ein, ob es erforderlich sei, die kahlgefressenen Fichten zu fällen oder ob diese sich von Kahlfraß wieder erholen können und welche Erfahrungen aus anderen Befallsgebieten vorliegen.

Er beschreibt, dass für die Holzarbeiten im Ebersberger Forst anfänglich 1300 Holzhauer beschäftigt waren, deren Anzahl 1891 auf 3000 stieg. Sie wohnten in Baracken, es gab Kantinen und sogar Telefonverbindungen in die umgebenden Ortschaften. Der Holzanfall betrug etwa 1/4 des üblichen gesamtbayerischen Jahreseinschlags. Die Abfuhr erfolgte ab Dezember 1890 nach Fertigstellung der nach Kirchseeon Bahnhof führenden Waldbahn. Das Ausmaß des Befalls und der Verlauf der Gleise, mit denen die stark befallenen Geräumte erschlossen wurden und der sich im Gelände stellenweise heute noch gut abzeichnet, ist in der Karte von Pauly gut erkennbar:

Für Vollbild auf die Karte klicken!

Schließlich überlegt er, wie man künftige Massenvermehrung frühzeitiger erkennen und durch Bekämpfungsmaßnahmen rechtzeitig eindämmen kann. Eine wirksame Vorkehrung sieht Pauly im Aufbau von Mischwäldern.

3. Behandlung der Nonnenkalamität im Bayerischen Landtag 1892

Die traumatischen Erfahrungen der Anwohner, der betroffenen Privatwaldbesitzer und in den Anliegergemeinden, die sich den Nonnenkalamitäten im Ebersberger Forst, den anderen staatlichen Forsten rund um München, den angrenzenden Privatwäldern und zeitgleich auch im staatlichen Dürnbucher Forst ohnmächtig ausgesetzt sahen, führten neben allerlei Schuldzuweisungen an die Beamten in der staatlichen Forstverwaltung, in den Bezirksämtern bis hinauf an die Staatsregierung auch zu Schadenersatzforderungen der geschädigten Privatwaldbesitzer an den Staat.

1892 kam es daher im Bayerischen Landtag in der Kammer der Abgeordneten zu einer Generaldiskussion über die Nonnenkalamitäten in den vergangenen Jahren, deren Abläufe, die Verantwortlichkeiten staatlicher Behörden, die Auswirkungen auf den Staatshaushalt und die Schlußfolgerungen. Laut dem Stenographischen Bericht der Sitzung vom 11. März 1892 [4] gab zunächst der Abgeordnete Franz-Joseph Keßler (Wkr. Lohr) als Berichterstatter des "Ausschusses für Gegenstände der Finanzen und der Staatsschuld" eine umfangreiche Sachverhaltsdarstellung ab. Er erwähnt die Mitte des 19. Jhds. in verschiedenen Teilen Mitteleuropas aufgetretenen Massenvermehrungen des Nonnenfalters und dass Mitte der 1880er Jahre, vermutlich aufgrund günstiger Wetterbedingungen, erste Massenvermehrungen in Preußen, Baden-Württemberg, der Schweiz und in Österreich-Ungarn aufgetreten sind, bevor es ab etwa 1888 in Bayern in fränkischen Wäldern zu Schäden durch Kiefernspinner und Nonne kam. Etwa zeitgleich entstanden erste Schadherde im Ebersberger Forst, die von den Forstbehörden aber entweder nicht erkannt oder nicht richtig eingeschätzt wurden und daher keine effektiven Maßnahmen ergriffen wurde. Erst als der zuständige Staatsminister (für Finanzen) Mitte Juni 1890 vom Ausmaß erfuhr, wurden umfangreiche staatliche Mittel zur Bekämpfung eingesetzt. Erschwert wurde eine zeitnahe wirksame Bekämpfung durch divergierende Meinungen in der Wissenschaft über die Sinnhaftigkeit von Bekämpfungsmaßnahmen überhaupt und darüber, ob befallene Fichten später wieder austreiben oder unweigerlich sterben.

Letztlich konnte aber durch das massenhafte Leimen von befallenen Stämmen das Ausmaß des Befalls reduziert werden. Durch schnelles Fällen und den Abtransport der befallenen Bäume bei gleichzeitiger Reduktion des Holzeinschlags in den anderen staatlichen Forsten konnten die Holzpreise bayernweit einigermaßen stabil gehalten werden und damit dem Staatshaushalt und den Privatwaldbesitzern Verluste erspart werden.

Der Glonner Abgeordnete Wolfgang Wagner (Wkr. Rosenheim) warf in seinem Redebeitrag erneut die Frage nach der Verantwortlichkeit auf, insbesondere ob ein Zusammenhang darin zu sehen ist, dass der Ebersberger Forst als Wildpark betrieben wurde und wegen der in den 1880er Jahren grassierenden Milzbrandseuche (es starben in den umliegenden Dörfern damals viele Nutztiere) der Zutritt von Menschen restriktiv gehandhabt wurde. Auch stellt er die Frage, weshalb der zuständige Staatsminister erst im Juni 1890 über das Ausmaß der Nonnenkalamität im Ebersberger Forst informiert worden ist.

Schließlich nimmt der zuständige Staatsminister Dr. Freiherr von Riedel Stellung. Er gibt einerseits den unteren Forstbehörden die Schuld, das Ausmaß nicht rechtzeitig erkannt zu haben und die Staatsregierung erst (zu) spät in Kenntnis gesetzt zu haben. Andererseits sei sich die Forstwissenschaft aber auch nicht klar gewesen, ob und ggf. was man tun könne und müsse. Die Staatsregierung habe sich aber keine Versäumnisse vorzuwerfen, denn als sie informiert worden sein, habe sie sogleich umfangreiche Geldmittel und Personal zur Verfügung gestellt, um die Schäden zu begrenzen, was ihr auch gelungen sei. Auch habe man 90% des Wilds im Ebersberger Forst abschießen lassen. Finanzielle Hilfen für die von der Nonnenplage betroffenen Privatwaldbesitzer könne es jedoch nicht geben, jedoch stellt der Staat diesen kostenlos Leim für die Leimringe zur Verfügung.

4. Berichte über die Organisation und Durchführung des Fällens, Abtransports und Verkaufs des Schadholzes sowie über den Bau und Betrieb der Waldbahn im Ebersberger Forst 1893

In der XXII. Versammlung deutscher Forstmänner vom 21.-25. August 1893 in Metz [5] schilderte bayerische Ministerialrat Dr. von Ganghofer in seinem ersten Vortrag detailliert die Überlegungen, die die ministerielle Forstverwaltung 1890/91 anstellte, um den Massenanfall von Schadholz wirtschaftlich zu nutzen, ohne dass der Holzmarkt und der Holzpreis zusammenbricht. In einem weiteren Vortrag beschreibt er die Organisation und Abwicklung der Holzarbeiten durch Tausende Arbeitskräfte und den Bau und Betrieb der Waldbahn zum Bahnhof Kirchseeon. Vergleichend dazu schildert er die Aufarbeitung und den Abtransport von Schadholz aus den zeitgleich, aber deutlich geringer von der Nonne befallenenen Sauerlacher (Perlacher), Hofoldinger ud Grünwalder Forsten sowie dem Forstenrieder Park.

Gleise der Waldbahn im Ebersberger Forst bis zum Bahnhof Kirchseeon an der Hauptstrecke München Rosenheim
Gleise der Waldbahn im Ebersberger Forst bis zum Bahnhof Kirchseeon an der Hauptstrecke München Rosenheim
Für Vollbild auf die Karte klicken!

Waldbahn im Sauerlacher und Hofoldinger Forst
Waldbahn im Sauerlacher und Hofoldinger Forst
Für Vollbild auf die Karte klicken!

Waldbahn im Grünwalder Forst und im Forstenrieder Park
Waldbahn im Grünwalder Forst und im Forstenrieder Park
Für Vollbild auf die Karte klicken!

5. Wiederaufforstung

Die Wiederaufforstung des gerodeten Bestands war eine nicht geringere Herausforderung, sowohl in zeitlicher, personeller wie auch finanzieller Hinsicht. Bereits frühzeitig machte man sich in der Forstverwaltung Gedanken, welche Baumarten angepflanzt werden sollten und entschied sich aus vielerlei Gründen wieder für eine Dominanz der Fichte.

Forstrat Dr. Fürst beschreibt in seinem Beitrag "Die Aufforstung der Nonnenfraßflächen im Ebersberger Forst" im Forstwissenschaftlichen Zentralblatt, Ausgabe Februar 1898 ausführlich die Überlegungen zur und die Durchführung der Wiederaufforstung, die erst um 1910 abgeschlossen werden konnte.

6. Massenvermehrungen der Nonne in den letzten Jahrzehnten

Lobinger et al. [3] geben eine Darstellung der jüngeren Geschichte der Massenvermehrungen der Nonne. So soll die letzte großflächige Massenvermehrung in Bayern mit einem Befallsgebiet von circa 20.000 Hektar in den 1980er Jahren gewesen sein. In den Jahren 1987/88 wurden zur Vermeidung von Kahlfraß circa 14.000 Hektar Fichten- und Kiefernbestände mit Pflanzenschutzmitteln behandelt. Auf etwa 3.000 Hektar wurde keine Behandlung durchgeführt, es kam zu massivem Absterben und zur Auflösung der Bestände. 1994/1995 wurden bei einer kleinen Massenvermehrung der Nonne in der Oberpfalz und in Franken 1.900 Hektar Fichte mit Insektiziden behandelt.

In den letzten Jahren kam es zu regional erhöhten Schmetterlingspopulationen, jedoch stets unterhalb der Schadschwelle. In den an Bayern angrenzenden Gebieten gab es in den letzten Jahrzehnten immer wieder bestandsbedrohende Nonnenpopulationen in Fichten- und Kiefernwäldern festzustellen, zum Beispiel 1994 in Sachsen, Thüringen und Westböhmen, 2003 in Sachsen und Brandenburg sowie 2012 in Brandenburg.

6. Neuzeitliches Nonnen-Monitoring

Welche Verfahren zum Nonnen-Monitoring, wie z.B. Sexual-Lockstofffallen, derzeit praktiziert werden, beschreiben Majunke et al. [2] für das Land Brandenburg bzw. Lobinger et al. [3] für Bayern.



Quellenangaben:

[1] August Pauly (Privatdozent der Zoologie der Universität München, 1850-1914); Die Nonne (Liparis monacha) in den bayerischen Waldungen 1890: in Briefen dargestellt, Verlag Sauerländer, Frankfurt, 1891, 108 Seiten; beigefügt: Hartig, Robert: Über das Verhalten der Fichte gegen Kahlfraß durch die Nonnenraupe, pdf-Download

[2] Curt Majunke, Katrin Möller und Mirko Funke; Die Nonne, Waldschutz-Merkblatt 52, Landesforstanstalt Eberswald, 2004, pdf-Download

[3] Gabriela Lobinger, Hannes Lemme und Julia Zeitler; Nonnen-Prognose in Bayern neu konzipiert. LWF überarbeitet pheromonbasierte Schädlingsüberwachung und Prognose des Fichten- und Kiefernschädlings, LWF aktuell Jg. 89 (2012), 26-29, pdf-Download

[4] Stenographischer Bericht über die Verhandlungen der bayerischen Kammer der Abgeordneten, 239ste öffentliche Sitzung, 11. März 1892, https://digitale-sammlungen.de/view/bsb11475077?page=14,15

[5] Die XXII. Versammlung Deutscher Forstmänner zu Metz vom 20.–24. August 1893


  © 2011-2024 · L. Steininger · E-Mailemail senden