Kirchseeon-intern.de - Ortsgeschichte - Kirchseeon 1933-1945 - Personen: Michael Scheidhammer sen.


Ortsgeschichte - Kirchseeon 1933-1945 - Personen

Michael Scheidhammer sen., Bürgermeister in Kirchseeon von 1933 - April 1945

Quellen:
Spruchkammer Ebersberg, Az. Sch 2, Scheidhammer Michael sen., Staatsarchiv München, Karton 4031
Spruchkammer Ebersberg, Az. Sch 122, Scheidhammer Michael jun., Staatsarchiv München, Karton 4031
Gendarmerie-Anzeigen, Sammelakt 1935-1944, Staatsarchiv München, LRA 76888
Gemeindearchiv Kirchseeon


Michael Scheidhammer wurde am 23.4.1890 in Öxing geboren und wohnte seit 1920 in Kirchseeon. Er betrieb eine Metzgerei. 1927 erwarb er das Gebäude, in dem die Metzgerei war, nachdem er die Räumlichkeiten vorher 4 Jahre lang gepachtet hatte. Die Metzgerei wurde ab Juni 1945 von seinem Sohn übernommen, da Scheidhammer noch bis in den Sommer 1945 im Ausweichkrankenhaus Schlehdorf war. Scheidhammer war zuletzt wohnhaft in Kirchseeon-Bhf., Dorfstr. 49 a.

In der Klageschrift der Spruchkammer Ebersberg, Az. Sch 2, vom 29.8.1946 wird Scheidhammer vorgeworfen, dass er Amtsträger der NSDAP und Mitglied in 9 weiteren Nazi-Organisationen, darunter in einigen führend, gewesen sei; der öffentliche Kläger stufe ihn bereits deshalb als überzeugten Anhänger der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ein. Seine Aufwandsentschädigung als ehrenamtlicher Bürgermeister von jährlich 3000 RM sei bei der Feststellung der zu verhängenden Sühnemaßnahmen zu berücksichtigen [Anm: der Betrag entsprach in etwa Scheidhammers Jahreseinkommen als selbständiger Metzger zu Friedenszeiten].

Scheidhammer gibt in seinem Meldebogen vom 4. Mai 1946 an, dass er NSDAP-Mitglied mit der Mitgliedsnr. 2944709 vom 1.5.1933 bis zur Auflösung gewesen sei und dass er ehrenamtlicher Kreiskommunalamtsleiter von 1940 bis zu Auflösung gewesen sei; außerdem sei er Obmann des Deutschen Gemeindetages vom 27.8.1939 bis zur Auflösung, Bürgermeister der Gde. Kirchseeon vom 23.4.1933 bis zur Auflösung, Mitglied der NSV vom 11.12.1933 bis zur Auflösung und Ortsamtsleiter der NSV von 1934 bis zur Auflösung gewesen.

Auch sei er Ortsluftschutzleiter, Mitglied der DAF, NSKB, VDA, DRK, RBfL und des Reichsbundes Dtsch. Familie und Stv. Obermeister der Metzger-Zwangsinnung Ebersberg von 1929 bis zur Auflösung gewesen.

Scheidhammer gibt im Meldebogen an, dass er als Bürgermeister nicht politischer, sondern Verwaltungs- und wirtschaftlicher Leiter der Gemeinde Kirchseeon gewesen sei. Zum Kreisamtsleiter (sic!) sei er entgegen seinem Willen auf Kriegsdauer berufen worden, weil der Vorgänger bei der Wehrmacht war. Er legt einen umfangreichen Bericht über seine Tätigkeit als Bürgermeister vor.

Im Arbeitsblatt gibt Bürgermeister Birkmaier am 5.7.1945 an, dass Scheidhammer "in der Amtsführung als Bürgermeister einwandfrei" gewesen wäre; der Landpolizeiposten Kirchseeon stellt fest, dass Scheidhammer die Gemeinde "im Sinne des 3. Reiches geführt" habe.

In den Monaten nach Verfassen der Klageschrift wurden vom öffentlichen Kläger der Spruchkammer Ebersberg weitere Ermittlungen durchgeführt, worauf sich mehrere Belastungszeugen meldeten:

  • So soll Scheidhammer laut Aussage von Frl. Lore S., Ebersberg, der langjährigen Stenotypistin in der Kreisleitung der NSDAP, neben dem Kirchseeoner NSDAP-Ortsgruppenleiter Ferstl an einem Rollkommando beteiligt gewesen sein, das arbeitsunwillige ausländische Zwangsarbeiter verprügelte. Um nicht erkannt zu werden, sollen sich die einzelnen Mitglieder dieser Gruppe verkleidet haben [Anm: weitere Ausführungen zu diesem Rollkommando in der SpK-Akte Ferstl]. Wie oft dieses Kommando in Aktion trat, war der Zeugin nicht bekannt.
    Eine weitere Zeugin aus Stachet sagte aus, dass eines Abends im Jahr 1942 oder 1943 ein Auto des Landratsamts Ebersberg auf ihrem Hof vorgefahren wäre, aus dem Scheidhammer ausgestiegen sei und sie nach einem russischen Zwangsarbeiter, der auf dem Hof beschäftigt war, fragte, weil sie ihn verprügeln wollten. Der Russe war von den Hofeigentümern beim Arbeitsamt Ebersberg zum Austausch gemeldet worden, weil er die meiste Zeit krank war. Die Zeugin lehnte dies ab, weil sie Schwierigkeiten mit den anderen Zwangsarbeitern auf dem Hof befürchtete. Daraufhin fuhr der Wagen, in dem sich auch drei vermummte schwarze Gestalten befanden, wieder davon.
  • Auch soll Scheidhammer maßgebend an der Verhaftung des Franz R., Kirchseeon, beteiligt gewesen sein. R. hatte sich im November 1944 wegen seiner Behinderung geweigert, an einem Volkssturm-Appell und an Volkssturm-Übungen mitzumachen. R. wurde dann zwangsweise zum Appell vor 300 Mann im Kinosaal vorgeführt, es kam zu einer heftigen verbalen Auseinandersetzung mit dem Kompagnieführer Lehrer Groll. Der anwesende Scheidhammer forderte eine "exemplarische Bestrafung" R.s, der auf eine Anzeige Grolls hin einige Tage später verhaftet wurde und vom 2.-6.12.1944 in Polizeihaft war.
  • Der politische Häftling Josef F., der von 1936 bis 1945 im KZ Dachau war, gab an, dass er 1938 hätte entlassen werden können, wenn die Heimatgemeinde damit einverstanden gewesen wäre, was sie jedoch nicht war. Er vermute, dass die ablehnde Haltung der Gemeinde durch Bürgermeister Scheidhammer veranlasst gewesen sei. Seine Mutter sagt aus, dass sie zweimal bei Scheidhammer vorgesprochen hätte, der es aber immer abgelehnt habe, sich für ihren Sohn einzusetzen.
  • Zeuge Matthäus F., der im Jahr 1933 wegen seiner "gegnerischen Einstellung" für 3 Monate im Gefängnis Ebersberg war und der mit 8 Kindern, also 10 Personen, in 2 Zimmern lebte, gab an, dass eine Zuweisung einer größeren Wohnung oder einem Behelfsheim von Scheidhammer abgelehnt wurde, weil "man eben nur Nationalsozialisten bevorzugen könne". Auch sei er bei der Reichsbahn nicht angestellt worden, weil die "Beurteilung durch die Ortsgruppe nicht einwandfrei war". Im Jahr 1934 war er arbeitslos und mußte Gemeindearbeiten verrichten. Dabei mußte er in Ebersberg mit Anderen Kartoffeln für das Winterhilsfswerk ausladen. Kartoffeln, die zu Boden fielen, wurden von Frauen aufgehoben. Er habe dann einen Zentner Kartoffeln für seine Kinder mit nach Hause genommen. Daraufhin sei er von Scheidhammer wegen Kartoffeldiebstahls angezeigt worden. Scheidhammer weigerte sich trotz Bitten, die Anzeige zurückzunehmen. Der Zeuge wurde zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt.
  • Schließlich beschrieb Zeuge Sebastian S., ein Parteigenosse, wie es bei den monatlichen Sprechabenden der Kirchseeoner Ortsgruppe der NSDAP zuging. Bei diesen Abenden sollen durch die einzelnen Blockleiter und Frauenschaftsführerinnen die Ereignisse in der Ortsgruppe im abgelaufenen Monat besprochen worden sein. Die maßgebenden Leute bei diesen Sprechabenden sollen neben Ortsgruppenleiter Ferstl der Hauptlehrer Groll, Michael Berger [Anm.: Stv. Bürgermeister] und Bürgermeister Scheidhammer gewesen sein. Die Amtsträger waren stets in Uniform anwesend.
  • Zeuge H. gibt an, dass er von Scheidhammer bei allen nur möglichen Gelegenheiten gedrückt wurde und bezeichnet Scheidhammer als "schlimmen und fanatischen Nazi". Scheidhammer soll dem Vertrauensarzt des Reichsbahnschwellenwerks im Sommer 1943 gesagt haben, dass der Schwellenwerksarbeiter H. "schwerste Erdarbeiten, Landwirtschaftsarbeiten und Holzarbeiten" durchgeführt haben soll, während dieser krank geschrieben war.
Im Rechtfertigungsschreiben vom 14.9.1946 stellt sich Scheidhammer als einen unpolitischen Menschen dar, der sich nur wegen deren "sozialen Bestrebungen" für die NSDAP interessierte. Die einstimmige Wahl zum Bürgermeister habe er auch nur deshalb angenommen, weil er auch von den noch verbliebenen 4 Gemeinderäten der Bayer. Volkspartei gewählt worden sei. Durch die Annahme der Wahl hätte er auch Parteimitglied werden müssen. Er habe alle Gemeindeangehörigen ohne Unterschied behandelt und sah sich immer nur als wirtschaftlicher und sozialer Leiter der Gemeinde, aber nicht als politischer Leiter, selbst wenn sich dadurch Meinungsverschiedenheiten zwischen Ortsgruppe und Gemeinde ergaben – er habe sich immer nur für das Wohl der Gemeinde eingesetzt:
"Dies beweise ich wohl am Besten durch eine meiner letzten Handlungen und Haltung gegenüber der Partei. "der Panzersperrenbau war angeordnet." Der Ort Kirchseeon sollte in den Verteidigungszustand versetzt, bzw. ev. verteidigt werden. Kirchseeon Bhf. war zum Lazarettort erklärt. Diese Anordnung, welche mir schon vorher vom damaligen Chef des Reserve-Lazaretts Kirchseeon Hr. Dr. Hacker vorgelegt wurde und eine Anordnung des Chefs für das Sanitätswesen beim stellv. Generalkommando VII war, gab ich dem Ortsgruppenleiter mündlich zu Kenntnis. Kategorisch lehnte ich diesen Bau ab, da er auch noch im Widerspruch zur Genfer Konvention stand. Ich selbst war damals an einer Venenentzündung, die später zu dem nicht unbedenklichen Herzschaden führte, an dem ich heute leide, ans Bett gebunden. So verständigte ich telefonisch sofort Hr. Dr. Hacker und bat ihn die Sache in die Hand zu nehmen, wodurch es uns zweimal gelang, den Baubeginn zu verschieben. Ich selbst habe mich wiederholt mit der Ortsgruppe persönlich und telefonisch in Verbindung gesetzt um den Bau zu verhindern. Dr. Hacker seinerseits wurde ebenfalls vorstellig und ging sogar persönlich an die Kreisleitung. Durch meine Einweisung in das Schwabinger bzw. dessen Ausweichkrankenhaus Schlehdorf b. Kochel fand meine Tätigkeit am 19.4.1945 als Bürgermeister sein Ende [Anm: laut Aussage von Bürgermeister Birkmaier im Spruchkammerverfahren ging Scheidhammer erst am 26.4.1945, also wenige Tage vor Einmarsch der amerikanischen Truppen in Kirchseeon, nach Schlehdorf].
Meinem Stellvertreter dem 1. Beigeordneten Michael Berger, Kirchseeon habe ich im Beisein des Oberinspektors der Gemeinde Josef B. am Krankenbett mein Amt übertragen, mit den Hinweis als vordringliches liege z.Zt. die Verhinderung des Panzersperrenbaus oder deren Beseitigung (nachdem schon zum Teil mit Erdarbeiten begonnen wurde) vor. Im übrigen solle er in nächster Zeit alles unternehmen um die Gemeinde vor Schaden zu bewahren. Hr. Dr. Hacker hat dann auch die Beseitigung dieser Sperren erreicht, wofür ihm die Gemeinde insbesondere die Ortschaft Kirchseeon Bhf. grossen Dank zollt. Initiativ ist dieser Erfolg auch mir anzurechnen" [Anm: auch im Originaltext unterstrichen!]

Seine diversen Mitgliedschaften in verschiedenen NS-Organisationen erklärt Scheidhammer damit, dass einige Positionen einen behördlichen Charakter hatten, er als Bürgermeister mit gutem Beispiel hätte vorangehen müssen und dass die Arbeit in diesen Organisationen nicht parteipolitisch motiviert gewesen wäre: "Bei der Auswahl der Mitarbeiter legte ich keinen Wert darauf, ob diese der Partei angehören. Von den 12 Blockwarten z.B. gehörten 8 nicht der Partei an. Auch sonstige Helfer .... im Winterhilfswerk und im Hilfswerk für das Rote Kreuz ... waren nicht Pg.". Auch von den 6 in der Gemeinde während der Kriegszeit beschäftigten Mitarbeiter waren 2 männliche und 3 weibliche nicht Pg. Auch sei er Obmann des Deutschen Gemeindetages geworden, ohne dass er vorher davon informiert gewesen sei; er wollte sich daher auch nicht betätigen. 1940 wurde er trotz seines Sträubens zum Kreisleiter für Kommunalpolitik bestellt.


Am 9.1.1947 erfolgte eine Ladung zu einer mündlichen Verhandlung am 20.1.1947 vor der Spruchkammer Ebersberg. Am 15.1.1947 wurde die Verhandlung wegen der Erkrankung Scheidhammers abgesetzt.

Am 22.1.1947 verstarb Michael Scheidhammer. Sein Anwalt stellte bei der Spruchkammer Antrag auf Einstellung des Verfahrens. Der Staatsminister für Sonderaufgaben ordnete im März 1947 die Durchführung eines Verstorbenenverfahrens nach Art. 37 Befreiungsgesetz an.

Im Schriftlichen Verfahren wiederholte der Anwalt die umfangreichen Darstellungen aus Scheidhammers Rechtfertigungsschreiben und die darin durchgehend vertretene Position, dass er nur am Wohl der Gemeinde interessiert und nicht parteipolitisch aktiv gewesen wäre, sondern immer nur Verwaltungs- und wirtschaftlicher Leiter der Gemeinde Kirchseeon gewesen sei. Er beantragt daher die Einstufung in die Gruppe 4 der Mitläufer.

Am 7.6.1948 stellte die Spruchkammer Ebersberg das Verfahren ohne (vermögenrechtliche) Sanktionen und ohne eine Begründung ein.


Anmerkungen:
Verschiedene weitere Vorwürfe gegen Scheidhammer konnten infolge der Einstellung des Entnazifizierungsverfahrens nicht geklärt werden. So haben Zeugen Scheidhammer u.a. beschuldigt, sich durch Schwarzgeschäfte mit Fleischmarken bereichert zu haben und gegen einzelne Bürger handgreiflich gewesen zu sein. Ungeklärt blieb auch, wie es Scheidhammer möglich war, trotz der Fleischrationierung die Einkünfte aus seinem Metzgereibetrieb gegenüber Friedenzeiten bis Kriegsende auf über 10.000 RM jährlich, d.h. das 2-3fache zu steigern.
Auch die Rolle Scheidhammers als Denunziant im Heimtückeverfahren gegen den im Juni 1936 neu eingesetzten Vorstand des Schwellenwerks Wilhelm R. [Anm: aus der Stellungnahme des Bezirksamts Ebersberg in diesem Verfahren: "R. (ist) nach Mitteilung der Kreisleitung Ebersberg politisch n i c h t zuverlässig ... Nach meinen Feststellungen hat R. mit Pfarrer Krammer in Kirchseeon seinen persönlichen Verkehr und wurde von ihm wiederholt in seiner Wohnung besucht. Krammer ist wiederholt als Hetzprediger aufgetreten; derzeit schwebt gegen ihn ein Strafverfahren beim Sondergericht wegen Vergehens gegen das Heimtückegesetz u.a."] wegen angeblicher abfälliger Äußerungen gegen "gegen Deutschlands führende Persönlichkeiten" blieb ungeklärt; das Verfahren wurde von der Gestapo eingestellt.

Die nahezu gleichlautenden heroisierenden Darstellungen zur Panzersperre im Bereich der Einmündung der Koloniestraße in die B304 in den Spruchkammerverfahren von Dr. Georg Hacker und Michael Scheidhammer und zur angeblichen "Rettung" Kirchseeons durch deren Beseitigung werden von einem noch lebenden Zeitzeugen kritisch beurteilt, denn nach seiner Meinung hätte die "Panzersperre" für Militärfahrzeuge kein Hindernis dargestellt, da sie umfahrbar gewesen wäre.


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