Gut gedacht - schlecht gemacht
Im Jahr 1921 schuf das Kulturbauamt München (Vorgänger des Wasserwirtschaftsamtes) auf Antrag von sieben Eigentümern des Kirchseeoner Mooses, das damals noch zu Ebersberg gehörte, eine sog. öffentlich-rechtliche Wassergenossenschaft, damit diese das Moos entwässern und trockenlegen sollte. Es sollte eine Fläche von rund 75 Hektar „in der Hauptsache durch die Regulierung des Seeoner Baches und die Anlage von drei Entwässerungsgruben“ entwässert werden.
Es ließ sich bis heute nicht sicher klären, ob der Bau des teilweise verrohrten Entwässerungsgrabens zwischen Osterseeon und Pötting – wie dies ein Zeitungsbericht aus dem Jahr 1948 nahelegt – durch diese öffentlich-rechtliche Wassergenossenschaft oder, wie andere meinen, vor oder nach 1921 durch private Unternehmer mit dem Ziel der Torf- oder Tongewinnung erfolgte.
Da die Betonrohre des Entwässerungsgrabens stellenweise eingebrochen waren und daher der Hochwasserabfluss nicht mehr gewährleistet war, entschloss sich der Kirchseeoner Gemeinderat im Sommer 2011, im Herbst die sanierungsbedürftige Verrohrung östlich von Osterseeon auf eine Länge von rund 190 m öffnen und dort einen naturnahen Gewässerlauf herstellen zu lassen.
Zunächst war vorgesehen, die benötigte Baustraße direkt auf oder neben der Rohrleitungstrasse anzulegen und nach Bauende vollständig zurück zu bauen. Dies erwies sich jedoch bei Baubeginn wegen des nicht tragfähigen Untergrunds als nicht sinnvoll. Statt dessen wurde südlich des Entwässerungsgrabens ein alter Forstweg durch Kiesaufschüttungen mit bis zu 1,1 m Stärke als Baustraße ausgebaut. Ein Rückbau erfolgte jedoch nur teilweise am Ende der Baustraße; eine hässliche, breite Kiesstraße durchbricht daher bis heute den Wald.
Dann wurde festgestellt, dass bei der vorgefundenen Bodenprofilierung (Nagelfluh, Kies, Torfboden) die Öffnung der Verrohrung nicht wie geplant durchführbar war, da auf großen Flächen Böschungen abzugleiten drohten. Daher wurden eine Mäandrierung des offenen Bachbettes sowie der umfangreiche Einbau von großen Wasserbausteinen erforderlich, um einem Unterspülen der Hänge vorzubeugen. Trotz des Einsatzes von Jutenetzen sind die Hänge bis heute nicht sicher stabil, was angesichts der Hangneigung auch nicht überraschend ist. Wenn im Herbst Buchenblätter den Boden bedecken, besteht zudem für Wanderer die Gefahr des Abrutschens und des Absturzes mit der Folge schwerer Verletzungen.
Mit dem angefallenen Aushub und dem Material aus den abgegrabenen Hängen wurden zwei Bodensenken großflächig verfüllt. Auf diesen verfüllten Flächen und den abgegrabenen Hängen, auf denen bis dahin eine schützenswerte Auwald/Buchenwaldflora wuchs, wurden angeblich Samenmischungen angesät. Das war aber wohl nicht erfolgreich, denn bereits im Sommer 2012 wucherte überall das Springkraut und mangels Pflege dieser Flächen hat es sich dort inzwischen großflächig ausgebreitet. Angeblich soll die Untere Naturschutzbehörde des Landratsamts die Gemeinde mehrfach erfolglos aufgefordert haben, Unterhaltungsmaßnahmen durchzuführen, um das Springkraut durch mehrmaliges Abmähen im Jahr zurückzudrängen.
Eine vorgesehene Bepflanzung der Uferbereiche mit „heimischen, standortgerechten Bäumen der Wuchsklasse I“ (Esche, Spitz-Ahorn oder Berg-Ahorn) scheint auch nicht erfolgreich gewesen zu sein oder gar nicht erst erfolgt zu sein.
Zwar gibt es jetzt einen offenen Bachlauf für einen Bach mit eutrophiertem Wasser, aber dafür wurden schützenswerte Auwald/Buchenwaldflächen in instabile Hangflächen und einen hektargroßen Springkrautdschungel verwandelt – wurde damit die angestrebte ökologische Aufwertung erreicht? Mit weniger Nachlässigkeit und Desinteresse bei der Bauüberwachung und beim Unterhalt der Flächen wäre wohl mehr erreichbar gewesen. Gut gedacht heißt eben noch lange nicht gut gemacht.
Dieser Artikel ist eine fortgeschriebene Fassung der in der Zeitschrift "Der Oberbayer", Heft Oktober 2014, erschienenen Erstversion. Artikel mit lokalem Bezug aus dieser Zeitschrift werden mit ein paar Wochen Verzögerung an dieser Stelle abgedruckt. Den Beitrag in der aktuellen Ausgabe finden Sie auf der Seite https://www.kirchseeon-intern.de/der-oberbayer.htm oder auf "Der Oberbayer"